Über die hermetische Lyrik

Hermetische Lyrik – was ist das eigentlich? So könnte man fragen. Literaturwissenschaftler verstehen darunter Gedichte, deren Inhalt und Bedeutung sich einem unmittelbaren Verständnis entziehen. Der Begriff soll sich von Hermes Trismegistos, dem sagenhaften Autoren der hermetischen Schriften und Gründungsvater der Alchemie, ableiten.

Im hermetischen Gedicht löst sich der Autor von den herkömmlichen, bekannten, vertrauten Sprachstrukturen. Er chiffriert die Sprache. Und er formt sie trotzdem nach den Prinzipien der Lyrik. Der zentrale Begriff der hermetischen Lyrik ist deshalb die Chiffre. Sie führt eine zusätzliche Bedeutungsebene ein. Deren meist undurchsichtige Semantik, die durch Modifizierungen, Verschiebungen und andere Veränderungen vom Alltagsgebrauch der Wörter abweicht, ist für den Leser nicht auf den ersten Blick ersichtlich. Die Wortbedeutung bleibt für den Leser unter Umständen sogar ganz verschlossen. Die hermetische Lyrik wird oft auch der selbstreflexiven Lyrik zugeordnet.

Die Lektüre der hermetischen Lyrik erfordert besondere Anstrengungen vom Leser. Das betrifft nicht nur die formalen Eigenschaften des Textes. Es berührt auch die semantische Ebene. Die Dechiffrierung des Textes steht vor dem Verstehen des Textes. Die Todesfuge von Paul Celan ist ein Beispiel dafür.

Die hermetische Form der Lyrik entstand in der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg. Ihre Ursprünge liegen in dem französischen Symbolismus, der allgemeinen Sprachskepsis der Moderne und den Erfahrungen des Nationalismus.

 
Wann hat ein Gedicht

sein schönstes Gewicht?

wenn es sich reimt?

die Sprachlust keim?

wenn der Leser es versteht,

ohne daß er ein Wort verdreht?
wann hat ein Gedicht

sein allergrößtes Gewicht?

wenn es erreicht des Lesers Herz

und bereitet keinen Schmerz

es hat `ne gute Güte

denn es erreicht mein Gemüte.

 

Hermetisch abgeriegelt – dieser Ausdruck kam mir den Sinn, als ich mich bei den Vorbereitungen dieses meines Artikels mit dem Begriff der hermetischen Lyrik beschäftigte. Eine Anlage, eine Festung, ein Fort, eine Stadt sind uneinnehmbar, wenn sie hermetisch abgeriegelt sind.

Können Gedichte, kann Lyrik so hermetisch abgeriegelt sein, dßa sie für den Leser unverständlich sind? Für mich hört sich dies ein wenig deprimierend an.

Wohl die zeitgeschichtlichen Zusammenhänge nach dem Zweiten Weltkrieg wahrnehmend bleibt für mich die Frage, ob sich die hermetische Lyrik nicht inzwischen selbst erledigt hat.

Gilt Adornos Edikt noch, daß es barbarisch sei, nach dem Holocaust noch ein Gedicht zu schreiben? Oder hat die Zeit inzwischen die schmerzendsten Wunden so weit geheilt, daß heute auch unterhaltende Lyrik wieder erlaubt sein darf? Ein anderes Beispiel: Kann und darf es in Südafrik nach der Apartheid überhaupt noch eine andere als die hermetische Lyrik geben?

Es bleibt die Frage, ob Lyrik wirklich zur Selbstreflektion mißbraucht werden kann und darf. Diese Selbstreflektion verschließt sich in der Regel dem unbefangenen, nicht literaturwissenschaftlich vorgebildeten Leser. Muß er erst einmal die Biographie des Autoren und die Entstehungsgeschichte des Gedichtes lesen, um einen Zugang zu der poetischen Literatur zu finden, ist dies eine Überforderung, die durch nichts gerechtfertigt ist. Vom universitären Rahmen abgesehen: Wer ist überhaupt willens und in der Lage, sich auf so abstrakt-theoretischem Niveau mit Lyrik zu beschäftigen? Hermetischen Lyrikt gerät sehr leicht in den Verdacht, Selbstzweck zu sein und damit mehr der eigenen seelischen Reinigung des Lyrikers zu dienen als dem Leser = Konsumenten zur Erbauung. Man kann sehr leicht den Eindruck gewinnen, daß hermetische Literatur nur dann Sinn macht, wenn der hermetische Lyriker die Erklärugn, die Interpretation auch gleich mitliefert. Ob das aber der Sinn der Lyrik ist, steht zumindest für mich auf einem anderen Blatt. Ich hoffe doch sehr, daß die Nachkriegsformen der deutschsprachigen Lyrik durch ansprechendere und leichter verständliche Formen abgelöst worden sind.

Advertisements

Über andreasruedig

Ich bin 48 Jahre alt, wohne in Duisburg und bin Journalist und Schriftsteller von Beruf.
Dieser Beitrag wurde unter Literatur veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

2 Antworten zu Über die hermetische Lyrik

  1. Anna schreibt:

    Ein interessanter Artikel! Wenn es um deine letzten Sätze geht: Ist es aber nicht ein wunderbares Gefühl, wenn man nach einer langen Untersuchung das Gedicht endlich dechiffriert? Ich liebe das Gefühl, wenn ich beginne es zu verstehen 😉

  2. Doris Punz schreibt:

    Genau wie für den Maler die Farbe und Pinsel Werkzeug ist, sich auszudrücken, ist es für den Lyriker das Wort, die Sprache. Es ist immer inspirierend,sprachliche Selbstoffenbarung zu lesen und darin nach und nach Neues zu entdecken. Es geht nicht darum alles zu verstehen, vielmehr darum, eine Ahnzung zu bekommen, eine Stimmung zu spüren, nachzuempfinden. So gesehen ist für mich Lyrik ein faszinierendes Genre. Überforderung ist es nur für jemanden, der sich nicht einlassen will…

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s