Gedanken zur Experimentellen Lyrik

Literaturwissenschaftler fassen unter der Experimentellen Lyrik all´ die Lyrik zusammen, die den Bruch mit althergebrachten Inhalten und Formen ein. Bezogen auf den deutschen Sprachraum wird unter der Experimentellen Lyrik all die Lyrik zusammengefaßt, die nach dem Zweiten Weltkrieg entstanden ist und dabei gezielt und bewußt mit den lyrischen Konventionen bracht, die während des Dritten Reiches vorherrschend waren. Die Sprache und die Symbole, von von den Nationalsozialisten für ihre Propaganda mißbraucht worden war, sollte nun nicht mehr benutzt werden. „Die Sprache hatte ihre Unschuld verloren.“ So formuliert es die Sekundärliteratur. Nichts schien mehr sagbar. Es wäre ohnehin nur in der Sprache der Mörder zu sagen gewesen. Die Dichtkunst drohte, in Stille und Stummheit zu versinken.

Die Experimentelle Lyrik, der Dadaismus und die hermetische Lyrik gelten als die radikalsten Veränderungen. Die experimentelle Lyrik wollte durch den Bruch mit den Regeln der Syntax und den konventionellen Wortbildungsmustern provozieren. Die traditionellen Formen des Gedichts (Vers, Reim, Metrik) wurde vielfach durchbrochen. Neuartige Wortkombinationen kamen hinzu. Vielen Werken der experimentellen Lyrik wird auch heute noch abgesprochen, daß es sich dabei um Werke der Lyrik handelt.

Soweit zur Theorie, wie sie auch in einem Lexikon nachzulesen wäre. Eine Definition wie diese wirft allerdings auch Fragen auf.

Sie ist sehr deutschlandbezogen. Hier muß nationale Geschichte (die rein zufällig auch unsere eigene ist) dafür herhalten, um eine eigene Stilrichtung der Dichtkunst zu begründen. Gibt es das auch in anderen Ländern? Gibt es eine postkommunistische experimentelle Lyrik in den Nachfolgestaaten der früheren Sowjetunion? GIbt es eine eigene experimentelle Lyrik aus der Zeit nach der Apartheid in Südafrika? Die Struktur der Begründung wäre dieselbe. „Es ist so viel Unrecht in unserem Land geschen, daß wir unsere Lyrik und Prosa komplett umstellen mußten,“ müßten eigentlich die Künstler vor Ort sagen und dementsprechend eine Lyrik und Prosa produzieren, die sich komplett von der bisherigen Literatur unterscheidet.

Ist die experimentelle Lyrik allein schon unter zeitlichen Gesichtspunkten überholt? Es sind mehr als 65 Jahre seit dem Zweiten Weltkrieg vergangen. Zeit genug, sich von der Sprachlosigkeit zu erholen und neue künstlerische Ausdrucksformen zu entwickeln. Die Zeit heilt schließlich alle Wunden. Oder?

Ich gestehe es gerne: Bei der Recherche habe ich mir nicht die Mühe gemacht, herauszufinden, welche Literaturformen seit dem Zweiten Weltkrieg bei uns in Deutschland vorherrschend waren. Ein Fehler? Subjektiv nicht. Ich bin kein Experte in Fragen der Lyrik. Wir leben aber heute in der Berliner Republik; sie hat die Bonner Republik abgelöst. Es gab eine Aufarbeitung des Dritten Reiches. Für einen Literaturliebhaber wie mich, der sich mehr mit Kriminalromanen auskennt, stellt sich die Frage, ob und wie Literaten aus der Ex-DDR die Geschichte ihre untergegangenen Heimatlandes verarbeiten. Haben sie sich problemlos in die neuen Verhältnisse eingefügt? Haben sie einfach nur neue Inhalte und Verlage gefunden, um ihre Vergangenheit aufzuarbeiten? In Abgrenzung zum Kommunismus und ohne Angst vor Anfeindungen?

In der (deutschen) Nachkriegszeit konnte die Autoren angesichts der Lebensverhältnisse froh sein, ihre Texte überhaupt veröffentlichen zu können. Die Papierknappheit wird sicherlich ein zentrale praktisches Thema gewesen sein. DIe Zeiten haben sich aber geändert. Der Kollege Computer ist zu einer zentralen Publikationsform geworden.

Bedeutet moderne, zeitgenössische experimentelle Lyrik, daß (beispielsweise) auch blinkende Bilder, Töne, Geräusche, gesprochene Worte oder Verlinkungen auch zu der Gattungsform gehören? Muß hier vielleicht ein erweiterter Gattungsbegriff zugrundegelegt werden?

Ausgangspunkt dieser Überlegung ist, daß bislang das Wort und seine Darstellungsform durch unterschiedliche Zeichen entscheidend war. Müßte die moderne, zeitgenössische Experimentelle Lyrik (wie die experimentelle Literatur allgemein) nicht um den (elektronischen) Impuls erweitert werden? Müßte das Experiment dann nicht darin bestehen, die unterschiedlichen Existenzformen und Darstellungsmöglichkeiten unserer modernen Gesellschaft in die Kunst miteinzubeziehen und sie zur Kunst zu erheben?

Die Lyrik und insbesondere ihre experimentelle Zweigrichtung wird sich auf dieser literaturtheoretischen Ebene neu erfinden müssen. Es geht dabei nicht nur um die Literaturproduktion, sondern auch um die literaturwissenschaftlich-theoretische Begleitung. Soll die experimentelle Lyrik mehr als eine Randerscheinung der deutschen Literaturgeschichte sein, so wird sie ihre Daseinsberechtigung begründen müssen. Dazu gehört auch, daß sie sich von der Kritik befreit, überhaupt keine Lyrik zu sein.

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Über andreasruedig

Ich bin 48 Jahre alt, wohne in Duisburg und bin Journalist und Schriftsteller von Beruf.
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3 Antworten zu Gedanken zur Experimentellen Lyrik

  1. Marcess von Hinten schreibt:

    Danke für diesen Beitrag hat mir sehr geholfen

    Grüße WanGel

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